Diagnoseverfahren im Detail
Augenbewegungen und Sehvermögen
Visuell evozierte Potenziale (VEPs)
Möglichst frühzeitige Diagnose
Weil die MS eine sehr komplexe neurologische Erkrankung ist, sollte die Diagnosestellung vorzugsweise durch einen Neurologen erfolgen, am besten durch einen Neurologen mit Spezialisierung auf MS. Besteht der Verdacht auf eine Multiple Sklerose (MS), wird der Arzt Blut und Liquor untersuchen, elektrische Tests der Nervenbahnen (evozierte Potenziale) durchführen, mittels MRI (Magnetresonanz-Imaging, auch Kernspintomografie genannt) Bilder von Gehirn und Rückenmark anfertigen sowie körperliche Untersuchungen und neurologische Tests durchführen. Nachdem andere mögliche Erkrankungen ausgeschlossen sind, kann anhand der verschiedenen Untersuchungsresultate die Diagnose MS gestellt werden.
Alle hier genannten Untersuchungen können zwar eine vermutete Diagnose unterstützen oder verwerfen, aber nicht eindeutig stellen.
Neurologische Untersuchung
Als Erstes sucht der Arzt mit einfachsten Mitteln nach möglichen Zeichen für eine MS oder Hinweisen auf andere Nervenstörungen: Er misst die Reflexe an Ellenbogen, Handgelenk, Knie, Fußgelenk und Fußsohle mit dem Reflexhammer.
Durch die Beobachtung von Haltung und Gang (z.B. Beinbewegungen, Körperhaltung, Armschwingen während des Gehens oder Stehens, Schwäche und Spastizität) kann er eine Gangstörung (Ataxie) oder sensible Ausfälle feststellen, die auf eine Nervenverletzung im Rückenmark oder im Gehirn hinweisen. Zusätzlich wird der Arzt auf Veränderungen des Gehörs, des Gesichts (sensible Ausfälle), des Halses (Heiserkeit) und der Sprache achten.
Augenbewegungen und Sehvermögen
Der Sehnerv, welcher vom Gehirn zum Auge führt, wird häufig durch MS beschädigt. Die Entzündung des Sehnervs nennt man Optikusneuritis.Der Arzt prüft die Sehkraft mit Hilfe von Augentafeln und beurteilt die Eintrittsstelle des Sehnervs am Auge mit dem Augenspiegel (Ophthalmoskop). Auch motorische Augennerven können betroffen sein. Mit einer speziellen Brille kann der Arzt nach auffälligen Augenbewegungen suchen. Der Patient setzt sich die Brille auf und muss dann beispielsweise, während er auf seiner rechten Seite liegt, aufsitzen und sich auf die linke Seite niederlegen. Während dieser Bewegungsabfolge beobachtet der Arzt die Augenbewegungen. Die Brille vergrößert die Augen optisch so, dass er deren Bewegungen ganz präzise verfolgen kann. Auffällige Augenbewegungen (Nystagmus) können auf eine MS-Aktivität hinweisen; sie können aber auch eine andere Ursache haben.
Magnetresonanz (MRI)
Neben den neurologischen Untersuchungen werden routinemäßig MRI-Bilder gemacht. Obwohl es sich dabei um die einzige Untersuchung handelt, bei der die Entzündungsherde im Gehirn und Rückenmark (Läsionen) bildlich dargestellt werden können, kann man diese nicht als eindeutigen Beweiß ansehen. Der Scan zeigt unter Umständen nicht alle Läsionen, vor allem im Frühstadium der Krankheit. Ferner können auch andere Krankheitsbilder ähnliche Läsionen am Nervensystem verursachen.
Da MRI-Bilder die Größe, Menge und Verteilung der Läsionen in Gehirn und Rückenmark aufzeigen, ist es ein wertvolles Instrument, um die durch MS verursachten Veränderungen im Laufe der Zeit zu dokumentieren. Zusammen mit Daten aus der medizinischen Vorgeschichte und der neurologischen Untersuchung sind die MRI-Bilder ein zuverlässiger Indikator für Multiple Sklerose (MS).


So wird ein MRI gemacht
Die Durchführung ist nicht gesundheitsschädigend, aber beschwerlich, weil die untersuchte Person absolut bewegungslos auf einem Tisch liegen muss, welcher sich langsam in einer Röhre bewegt. In der MRI-Röhre ist es eng und laut. Mit Hilfe eines Kontrastmittels können frische Läsionen schon in einem frühen Entzündungsstadium sichtbar gemacht werden.

Evozierte Potenziale (EPs)
Bei MS ist die Leitfähigkeit verschiedener Nerven verlangsamt, weil die Myelinschicht beschädigt ist, welche normalerweise die Nervenfasern umhüllt und schützt. In den Gebieten mit «nackten» Nerven ist die Impulsübertragung spürbar verzögert.
Bei der Messung evozierter Potenziale wird sorgfältig die Zeit notiert, welche ein Impuls braucht, um das Gehirn zu erreichen. Verzögerungen entdeckt man durch den Vergleich der Testresultate mit denjenigen von gesunden Testpersonen. Techniken wie die EPs, welche die Gehirnaktivität auf bestimmte Stimuli messen, sind vor allem bei unsicherer Diagnose sehr wertvoll. Die evozierten Potenziale können den Neurologen dabei unterstützen, Veränderungen der Nervenleitfähigkeit und so genannte stille Läsionen des zentralen Nervensystems zu finden, bevor überhaupt erste neurologische Defizite aufgetreten sind.
Visuell evozierte Potenziale (VEPs)
Visuell evozierte Potenziale sind die am häufigsten gemessenen EPs. Sie zeigen die Aktivität der Sehnerven. Man registriert die Zeit, welche das Gehirn braucht, um Bilder zu empfangen und zu interpretieren. Zur Vorbereitung dieses einfachen, nicht invasiven (nicht in den Körper eingreifenden) Tests werden am Kopf Elektroden angebracht, welche die elektrische Gehirnaktivität (Wellen) erfassen können. Um die Impulse zu messen, welche zwischen Auge und Gehirn dem Sehnerv entlang reisen, müssen Sie mit den Augen ein kleines Quadrat auf einem Monitor fixieren, das mitten in einem flackernden Schachbrett angezeigt wird. Diese Untersuchung ist harmlos, verursacht keinerlei Schmerzen und zeigt dennoch Schäden der Netzhaut und des Sehnervs auf, die alle zu einer verzögerten oder unterbrochenen Überleitung führen können. Verletzungen am Sehnerv können ein abnormales VEP ergeben. Findet man einen solchen Befund bei einer Person mit normaler Sehkraft, kann das helfen, die Diagnose MS zu festigen, da abnormale VEPs bei 75 bis 95 Prozent der MS-Patienten vorliegen.
Liquorpunktion
Das Rückenmark wird von einer Flüssigkeit (Liquor) umspült, welche mit einer speziellen Spritze der Region der lumbalen (unteren) Lendenwirbelsäule entnommen wird.
Labortests können dabei helfen, weitere Anhaltspunkte für die MS zu finden. Eine Möglichkeit ist die Untersuchung der Rückenmarksflüssigkeit, dem Liquor. Damit der Arzt mit Hilfe einer Spritze diese Flüssigkeit entnehmen kann, müssen Sie sich sitzend nach vorne beugen. Die Untersuchung verursacht kaum Schmerzen.
Mit dem Liquor kann man verschiedene Untersuchungen durchführen, welche auf eine MS-Aktivität hinweisen können. Bei 90 Prozent der MS-Patienten finden sich im Liquor Anzeichen für MS. Zusammen mit den klinischen Symptomen und weiteren Testresultaten kann ein Liquortest mit Befund dabei helfen, die Diagnose MS zu bekräftigen oder zu verwerfen. Nicht alle MS-Betroffenen weisen jedoch einen positiven Liquortest auf.
Möglichst frühzeitige Diagnose
Zusammenfassend muss man sagen, dass kein Diagnoseverfahren alleine MS sicher diagnostizieren kann. Das bedeutet, dass eine definitive MS-Diagnose nicht nur aufgrund der Resultate dieser Untersuchungen gemacht werden darf. Für eine definitive Diagnose müssen spezifische, auf klinischen und MRI-Untersuchungsergebnissen basierende Kriterien erfüllt sein. Diese im Jahr 2005 neu entwickelten Kriterien (McDonald Kriterien) und die MRI-Technik helfen den medizinischen Fachkräften zwischen MS und anderen Krankheiten mit ähnlichen Symptomen zu unterscheiden. Das wiederum erlaubt eine frühe Diagnosestellung. Je früher die Therapie begonnen wird, desto wahrscheinlicher kann das Auftreten von Schüben verzögert und deren Heftigkeit vermindert werden. Ferner wirkt sich eine Frühtherapie von MS positiv auf die Lebensqualität der Betroffenen aus.